ideales heim

Issue: February 2010
Pages: p.66-75
Text: Susanna Koeberle
Photos: Bruno Helbling

In einem Gebäude aus dem 19.ten Jahrunder hat der Architekt Gus Wüstemann ein Projekt verwirklicht, das alte Schichten freilegt und neue Räume erfindet.

Bereits der Name des Projekts erzählt eine Geschichte: «crusch alba» – das bedeutet «weisses Kreuz», und zwar nicht auf Katalanisch, sondern auf Rätoromanisch, dem raren Schweizer Dialekt der Mutter des Architekten Gus Wüstemann. Es ist beeindruckend, wie er mit dieser Idee aus einer Wohnung in einem Altstadtgebäude des 19. Jahrhunderts im «Barrio Gotico» Barcelonas eine Raumlandschaft erschaffen hat, in der man eine Zeitreise unternehmen kann. Beim Umbau stiess er auf alte Schichten aus unterschiedlichen Zeiten und beschloss, diese Zeitzeugen roh zu belassen. Weil Wüstemann selber Bauherr war, konnte er das Unfertige und Rohe zu einem gestalterischen Element machen, sich von der Zufälligkeit des Vorhandenen lenken zu lassen. Eine Haltung, die nicht jedermanns Sache ist, doch
beim Anblick des Resultats vollends überzeugt. Zumal das Glanzlicht dieses Projekts nicht aus der Erhaltung des Vorhandenen besteht, sondern aus dem spielerischen Dialog mit den neuen Komponenten, die Wüstemann in die alte Struktur eingelassen hat und welche die alten Räume neu definieren. Kreatives Kreuz Die Erfindung Wüstemanns besteht in einer in den alten Raum eingebauten Raumkreuzung, die sich farblich und materiell vom restlichen Teil der Wohnung unterscheidet, ohne sich dabei jedoch abzugrenzen. Denn das räumliche Konzept ist dasjenige eines Lofts, in dem immer nach dem Raummaximum gesucht wird.
Das weisse Kreuz aus gespritztem MDF und Corian vereint das Raumprogramm für Küche und Bad, die aber nicht eindeutig als solche ersichtlich sind, sondern als flexible Raumvarianten fungieren, welche sich nach Belieben gestalten lassen. Wüstemann nennt dieses Konzept «Raummaschine»: Mittels Schiebetüren lassen sich verschiedene Räume konstruieren, die auch in ihrem Zweck variieren können: mal Gästezimmer, mal Spielraum oder was immer gerade gebraucht wird. Die eindeutige Bestimmbarkeit von Räumen existiert in dieser Wohnung eigentlich nicht, «die Räume sind vollkommen hierarchielos», führt der Architekt aus. Eine Küche ist nie nur eine Küche, und auf einer Badewanne kann man auch schlafen – die Kinder machens vor: Man muss nur einen Deckel zumachen, seine Matratze ausbreiten, und fertig ist die Bettstätte. «Program free architecture» – eine Wortkreation, die man bei Wüstemann kennenlernt – unterläuft unsere fixe Vorstellung der additiven Raumanordnung, hat beinahe etwas Subversives.

Spiel mit Materialien und Licht

Wüstemanns Wohnung, in der er seit Mitte letzten Jahres mit seiner Familie lebt, gleicht eher einer urbanen Landschaft, einer Stadt im Miniformat. Alles passt sich dem Moment an, die Bewohner schaffen je nach Bedürfnis Rückzugsnischen oder offene Räume. Diese Wandelbarkeit kommt auch den jüngeren Bewohnerinnen entgegen, wenn sie beispielsweise die Räume mit dem Roller auskundschaften oder ihren Schlafplatz Nomaden gleich regelmässig verlegen können. Dem Raumkontinuum setzt Wüstemann das Spiel mit Strukturen, Öffnungen und Licht entgegen. Zwei Holzvolumen, welche die Struktur der originalen Wände übernehmen, fügen sich mit einem erhöhten Rand
in die alten Räume, fliessen über Eck weiter, werden zur Wand. Die Übergänge zwischen alten und neuen Materialien betont Wüstemann mit einem raffinierten Einsatz von Licht. Die peripheren Lichtquellen ziehen sich wie ein Horizont entlang dem erhöhten Holzstreifen und verleihen den Räumlichkeiten etwas Endloses. Die Räume scheinen beinahe vor sich selber zu fliehen, indem sie sich öffnen und den Blick auf etwas Fremdes freigeben wie beispielsweise auf die Trompe-l’oeuil-Malereien aus dem Jugendstil. Die Materialien werden so zu Hauptprotagonisten der Wohnung, sodass die Möblierung in den Hintergrund rückt. Es ist die Leere, die hier zelebriert wird. Stauräume helfen dabei, sie zu bewahren.

Zwischen Zürich und Barcelona

Die Heterogenität des vorhandenen Grundrisses mit den vielen Lichthöfen im hinteren Teil der Wohnung verlangte nach einer neuen Lösung. Mit dem Einbau des weissen Kreuzes, das als Zwitterwesen unendliche Wohnmöglichkeiten bietet, erfüllt Gus Wüstemann seinen Wunsch nach einer offenen Lebensform, in der sich ständig Neues entwickeln kann.
Bei der Nachbarschaft stiess die Neugestaltung hingegen nicht gerade auf Wohlwollen, was den erfahrenen Bauherrn jedoch nicht von seinem Vorhaben abhielt. «Dieser Umbau hat mich schon etwas Nerven gekostet, doch der Aufwand hat sich gelohnt», erzählt er. Wüstemann, der unter der Woche sein Architekturbüro in Zürich mit Zweigstelle in Barcelona führt, pendelt zwischen der Zwinglistadt und der mediterranen Metropole und geniesst die Lebensqualität und südliche Mentalität der katalanischen Hauptstadt – auch wenn Bauvorhaben nicht immer ganz reibungslos vonstatten gehen.
Die Idee der Raummaschine, die Wüstemann hier realisiert hat, ist sehr konzeptuell. Die Kompositionen, welche durch den gewagten Materialmix entstehen, gleichen räumlichen Skulpturen und werden durch ihre Mehrdeutigkeit zu einem Statement für das Aufheben von Grenzen.
«Es ist nur eine Frage der Gewohnheit, dass das Bad kein abgeschlossener Raum ist», meint
Wüstemann und hofft von dieser Einstellung auch andere Bauwillige überzeugen zu können. Die
Vielschichtigkeit als Prinzip kann in einer Welt, in der die Hauptmahlzeit – falls eine solche überhaupt vorhanden ist – mehrheitlich aus einem Einheitsbrei besteht, bestimmt nicht schaden. Für leidenschaftliche Konformisten ist diese Art des Lebens allerdings nur bedingt zu empfehlen.